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Ein Lieferservice für Nächstenliebe

12.09.2015

Hutthurm. Beruflich fährt Franz Kargus einen Geldtransporter. In seiner Freizeit transportiert er eine Fracht, die ungleich kostbarer ist: Lebensmittel. Kargus ist ehrenamtlicher Helfer bei der Hutthurmer Tafel. Um seinen bedürftigen Kunden zu helfen, nimmt er alle zwei Wochen sogar eine Doppelschicht in Kauf.

Seit zwei Jahren dreht Kargus seine Runden für den Lieferservice, ohne den viele Menschen in der Region in arge Not geraten würden. Sein Nachbar hat ihn eines Tages gefragt, ob er nicht helfen wolle. "Die Kollegen bei der Tafel hatten damals ein ziemliches Alter", erinnert sich Kargus. Er ließ sich nicht lang bitten. Dabei ist er selbst schon Rentner, seit 13 Jahren. Doch auch jetzt will der 65-Jährige, der früh im Leben zu arbeiten begann, nicht untätig sein.

Für seinen Zuverdienst als Geldtransporter-Fahrer schiebt Franz Kargus regelmäßig Nachtschichten. Erst um 7 Uhr morgens kommt er heim. An jedem zweiten Mittwoch geht für ihn die Arbeit schon um 8 Uhr weiter – dann als einer der ehrenamtlichen Semmel-Chauffeure der Tafel. Bis 12 Uhr ist er unterwegs. Sein Bett muss warten, aber "a Waidler hoit’s aus", sagt er gelassen.

Bei den Läden, die ihre Waren vom Vortag zur Verfügung stellen, sammelt er morgens die Kisten ein und verlädt sie in den Laderaum des Tafel-Transporters. Der hat eine eigene Kühlung, damit die verderbliche Ware während der Fahrt keinen Schaden nimmt. "Manchmal ist’s ein bisserl wenig", wiegt Franz Kargus in Gedanken die Lebensmittel ab. "Es kommen ja immer mal neue Kunden dazu, da braucht man schon ordentlich Zeug." Das weiß der Ehrenamtliche aus erster Hand.

Die Ware chauffiert er nicht nur zur zentralen Ausgabestelle der Tafel in Hutthurm, sondern auch zu jenen Kunden, die dort nicht hinkommen können, weil sie kein Auto haben, krank oder gebrechlich sind. "Die Leut’ warten teilweise schon auf uns", erzählt er. Manchen, die es selbst nicht mehr können, trägt er die Lebensmittelvorräte auch die Treppe hinauf. Die Dankbarkeit ist groß: "Die Leut’ täten ihr letztes Fuchz’gerl noch als Trinkgeld hergeben. Aber wir nehmen natürlich nix dafür. Die sind zu Tode froh und bedanken sich zig mal." Nur für die Ware zahlen die Kunden einen kleinen symbolischen Preis.

Manchmal muss Kargus aber auch wieder Lebensmittel mitnehmen, etwa wenn das falsche Fleisch im Paket war. "Das ist besser als wenn sie es wegwerfen. Das nächste Mal wissen wir dann Bescheid und tun was anderes dafür rein." Kargus bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Nur wenn er mittags von seinen Tafel-Fahrten heimkehrt, kann er nicht schlafen. "Dann bin ich so aufgekratzt, da ist keine Müdigkeit." Das Bett sieht er erst später am Nachmittag. "Das mach ich, bis ich nicht mehr kann", gibt er sich kämpferisch und schiebt verschmitzt hinterher: "Ich bin ja erst 65."

Geld bekommt er nicht für seine ehrenamtlichen Lieferfahrten, dafür einen anderen Lohn. "Das gibt mit einfach etwas, wenn ich jemandem helfen kann", versucht er zu erklären, was für ihn ganz selbstverständlich ist. "Ich hab’ immer versucht, jedem zu helfen. Und so bin ich immer noch. Es macht mir Spaß." Und nicht nur ihm, wie er weiß: "Die Leut’ sind froh, wenn jemand zu ihnen kommt. Dann kann man auch mal ein paar Worte reden. Aber nicht zu viel, denn der nächste wartet dann schon."

"Helfer haben wir nie genug", sagt Pfarrer i.R. Herbert Oberneder, der als Pfarrcaritasvorsitzender für die Tafel mitverantwortlich ist und ihre Bedeutung nicht genug betonen kann: "Die Tafel ist sehr wichtig. An unserem alten Standort in der Fuchsmühle gab es seit der Gründung 2007 insgesamt 402 Essensausgaben." Dazu bietet die Tafel eine Kleiderkammer an. Beides bedeutet viel Arbeit für die Ehrenamtlichen. Daher sagt Oberneder: "Je mehr Helfer wir haben, umso besser ist es – auch für die Helfer." Eine besondere Qualifikation brauche man nicht. "Uns ist jeder willkommen."

So sieht das auch Kargus und wünscht sich nur eins: "Es sind vor allem ältere Leute bei der Tafel engagiert, wenig junge. Davon bräuchten wir mehr. So ein Ehrenamt ist ja auch eine sinnvolle Beschäftigung." Ohne die Helfer gäbe es die Tafel nicht. Und ohne die Tafel? "Oh, mei", stöhnt Kargus, "dann schaut’s wild aus. Die Leut’ brauchen doch was zu essen."

 

Foto: Alle Hände voll zu tun hat Franz Kargus, wenn er jeden zweiten Mittwoch für die Tafel seine Runde fährt. Die Menschen zahlen es dem Ehrenamtlichen mit Dank zurück. − Foto: Toni Scholz